22. Juli 2026
Bremsende Bim: Wie Assistenzsysteme Straßenbahnen sicherer machen
Oft reichen Zentimeter, die über das Weiterkommen von Straßenbahnen und Bussen entscheiden: ein nicht eingeklappter Spiegel, ein schlampig geparktes Auto. Die Folge: Verspätungen im öffentlichen Verkehr, die den gesamten Ablauf stören und bei den Fahrgästen für Frust sorgen. Allein in Wien haben vergangenes Jahr rund 1.500 Autos den Öffi-Verkehr behindert. Falsch geparkte Autos, Personen auf den Gleisen und viele andere Hindernisse gehören für Straßenbahnfahrer und -fahrerinnen im Stadtverkehr zum Alltag. Anders als Autos können Straßenbahnen freilich nicht ausweichen und benötigen deutlich längere Bremswege. Neue Fahrerassistenzsysteme sollen deshalb helfen, gefährliche Situationen frühzeitig zu erkennen und Unfälle zu vermeiden.
Wird ein Hindernis zu spät erkannt, kann das nämlich schwerwiegende Folgen haben. Laut Statistik Austria waren im Vorjahr 239 Verkehrsunfälle mit Beteiligung einer Straßenbahn zu verzeichnen. Im Vergleich zu den 5.466 Unfällen mit Pkw oder 1.561 Fahrradunfällen ist diese Zahl zwar gering, dennoch sehen Forschende weiteres Potenzial, die Sicherheit im Straßenbahnverkehr zu erhöhen.
Das möchte auch das AIT Austrian Institute of Technology erreichen und hat gemeinsam mit dem Bahntechnikunternehmen Alstom und Mission Embedded ein Fahrerassistenzsystem namens ODAS entwickelt. Mithilfe von Kameras und Sensoren erkennt das System Hindernisse auf oder neben den Gleisen, bewertet das Kollisionsrisiko in Echtzeit und warnt Fahrer, wenn eine Gefahr besteht. Die Entscheidung über eine Bremsung bleibt dabei weiterhin beim Fahrpersonal.
Aufbauend auf dieser Technologie wurde das System COMPAS entwickelt. Es unterstützt Fahrer zusätzlich mit einer integrierten Geschwindigkeitsüberwachung und ermöglicht die digitale Kartierung von Straßenbahnstrecken. Die gesammelten Daten können genutzt werden, um den Zustand der Infrastruktur zu dokumentieren und den Betrieb langfristig effizienter zu gestalten.
Die Entwicklung geht inzwischen noch einen Schritt weiter. Das Forschungsteam arbeitet an einer KI-gestützten Erweiterung, die Verkehrssituationen automatisch einordnen und Schäden oder Unregelmäßigkeiten an der Infrastruktur erkennen soll. Damit könnten Wartungsarbeiten künftig gezielter geplant und potenzielle Gefahren früher identifiziert werden.
Die Technologie ist bereits in mehreren europäischen Städten im Einsatz, darunter Frankfurt, Zürich, Dresden und Brüssel. Nach Angaben des AIT steigt die Nachfrage nach solchen Assistenzsystemen, da sie dazu beitragen können, Kollisionen und Sachschäden zu reduzieren und den Straßenbahnbetrieb zuverlässiger zu machen.
Auch in Wien werden Fahrerassistenzsysteme bereits eingesetzt. Auf Anfrage bestätigen die Wiener Linien, dass entsprechende Systeme bei Straßenbahnen verwendet werden. Welche Technologien konkret zum Einsatz kommen und in welchem Umfang sie ausgerollt werden, wurde allerdings nicht näher erläutert.
Mit zunehmendem Verkehr und dichter werdenden Städten dürfte die Bedeutung solcher digitalen Assistenzsysteme weiter wachsen. Sie können Fahrer zwar nicht ersetzen, aber dabei unterstützen, in kritischen Situationen schneller zu reagieren – und damit den Straßenbahnverkehr ein Stück sicherer machen.

