Kategorie Mobilität - 8. Mai 2026

Warum Frauen im Auto ein höheres Verletzungsrisiko als Männer haben

Frauen haben bei Autounfällen ein deutlich höheres Verletzungsrisiko als Männer. Das zeigt eine neue Studie der Technischen Universität Graz, die vom Österreichischen Verkehrssicherheitsfonds finanziert wurde. Demnach liegt das Risiko für Frauen, bei einem Unfall verletzt zu werden, um rund 60 Prozent höher als bei Männern. Besonders betroffen sind demnach Beifahrerinnen und Frauen über 50 Jahre.

Für die Untersuchung analysierten Forschende des Instituts für Fahrzeugsicherheit der TU Graz österreichische Frontalunfälle aus den Jahren 2012 bis 2024. Dabei wurden reale Unfälle rekonstruiert und mit virtuellen Menschmodellen simuliert, um die Belastungen auf weibliche und männliche Körper vergleichbar zu machen.

„Ähnlich wie die Medizin, ist auch die Verkehrssicherheit oft auf Männer geeicht – mit fatalen Folgen für Frauen. Das muss sich ändern! Die vom Verkehrssicherheitsfonds des BMIMI geförderte Studie bietet wichtige Grundlagen, um Fahrzeuge künftig sicherer für alle zu machen“, so Vera Hofbauer, Leiterin der Sektion Verkehr im Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur (BMIMI).

Die Ergebnisse zeigen, dass Frauen bereits bei niedrigeren Kollisionsgeschwindigkeiten schwerere Verletzungen erleiden. Das Risiko, schwer verletzt oder getötet zu werden, sei bei ihnen mehr als doppelt so hoch wie bei Männern. Besonders häufig betroffen sind laut Studienleiterin Corina Klug der Brustkorb, die Wirbelsäule sowie Arme und Beine.

Auffällig sei zudem der Einfluss der Sitzposition. Vor allem auf dem Beifahrersitz steigt das Verletzungsrisiko deutlich an. Viele Menschen würden den Sitz weit nach hinten schieben oder die Lehne stark zurückstellen. Airbags und Gurte seien jedoch nicht für solche Sitzpositionen ausgelegt. Da Frauen häufiger auf dem Beifahrersitz mitfahren, könnte dies ihr Risiko zusätzlich erhöhen.

Die Forschenden sehen die Ursachen auch in den bisherigen Sicherheitsstandards der Autoindustrie. Jahrzehntelang galt der sogenannte „50-Perzentil-Mann“, also der statistische Durchschnittsmann, als Maßstab für Crashtests und Fahrzeugzulassungen. Selbst die verwendeten „weiblichen“ Dummys seien meist nur verkleinerte Versionen männlicher Modelle und würden typische anatomische Unterschiede von Frauen – etwa bei Becken, Brustkorb oder Schultergeometrie – nicht ausreichend berücksichtigen.

„Frauen sind keine kleinen Männer“, betont Klug. Mit den bisherigen Testmodellen lasse sich das tatsächliche Verletzungsrisiko von Frauen nur unzureichend abbilden.

Die TU Graz fordert daher realistischere Testverfahren und intelligentere Sicherheitssysteme. Adaptive Gurte und Airbags sollten künftig stärker auf Körpergröße, Sitzposition und Unfallintensität reagieren. Zudem könnten digitale Menschmodelle helfen, unterschiedliche Körperformen und Sitzhaltungen besser in Simulationen einzubeziehen.

Auch die richtige Sitz- und Gurtposition spiele eine wichtige Rolle. Dicke Winterjacken oder Decken könnten dazu führen, dass der Körper bei einem Aufprall unter dem Gurt durchrutscht – ein Effekt, der als „Submarining“ bezeichnet wird und schwere innere Verletzungen verursachen kann. Experten empfehlen daher eine möglichst aufrechte Sitzposition und einen korrekt angelegten Sicherheitsgurt: Der Beckengurt sollte auf dem Beckenknochen liegen, der Schultergurt über das Schlüsselbein verlaufen.

Die Studie „DIVERSE – Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Fahrzeug-Insassenschutz“ wurde aus Mitteln des Österreichischen Verkehrssicherheitsfonds (VSF) finanziert und unter Federführung des Instituts für Fahrzeugsicherheit der TU Graz durchgeführt. Die gesamten Studie gibt es auf der Website des BMIMI zum Download. Der Österreichische Verkehrssicherheitsfonds (VSF) ist ein Fonds des öffentlichen Rechts, der 1988 für Forschung im Bereich Verkehrssicherheit geschaffen wurde. Er finanziert sich aus dem Sonderbeitrag für die Wunschkennzeichen und ist im Mobilitätsministerium (BMIMI) angesiedelt.