Kategorie Innovation & Technologie - 27. Februar 2026
Weltraumschrott-Experte: „Verbauen uns die Zukunft, wenn wir nicht aufpassen“
Der Weltraum wird immer voller. Holger Krag, Leiter des ESA-Weltraumsicherheitsprogramms, erklärt, wie eine Art Müllabfuhr für den Orbit funktionieren könnte – und warum die Zeit drängt
Die Raumfahrt boomt: Über 4.000 Objekte starten inzwischen pro Jahr ins All – zehn Mal mehr als noch 2015. Doch was hochfliegt, kommt nicht immer zurück. Zehntausende tote Satelliten und Trümmerteile rasen mit Affentempo um die Erde, und es werden stetig mehr. Schon ein winziger Splitter kann Satelliten zerstören und noch mehr Geschosse freisetzen.
Holger Krag ist seit fast zwei Jahrzehnten einer der führenden Experten auf diesem Gebiet. Der promovierte Luft- und Raumfahrtingenieur leitet das Space Safety Programme der Europäischen Weltraumorganisation ESA am Kontrollzentrum ESOC im deutschen Darmstadt. Die Einrichtung ist unter anderem für die Steuerung aller ESA-Satelliten verantwortlich.
Krag hat maßgeblich dazu beigetragen, internationale Kollisionsvermeidungssysteme aufzubauen, und treibt heute Europas ambitioniertes „Zero Debris“-Ziel voran: Bis 2030 soll kein neuer ESA-Satellit mehr dauerhaft im Orbit verbleiben. Was das in der Praxis bedeutet, wo die größten Hindernisse liegen – und warum ein Blick nach oben vielleicht bald lohnenswerter ist als gedacht, erklärt er im STANDARD-Podcast Edition Zukunft.
STANDARD: Herr Krag, wenn man im Internet nach „Weltraumschrott“ sucht, sieht man Bilder, auf denen die Erde vor lauter Müll kaum mehr zu erkennen ist. Diese Bilder täuschen natürlich, weil sie nicht maßstabsgetreu sind. Wie voll ist es da oben wirklich?
Krag: Leider sehr voll, das ist die traurige Wahrheit. Ich arbeite in einem ESA-Zentrum, das für die Steuerung von mittlerweile rund 30 Satelliten verantwortlich ist. Wir merken das sehr deutlich: Unsere Satelliten sind schon getroffen worden, und wir müssen regelmäßig Ausweichmanöver fliegen. Was nach Science-Fiction klingt, ist bei uns Alltag. Etwa alle zwei Wochen weichen wir einem Objekt aus.
STANDARD: Wie viele solcher Schrottteile gibt es?
Krag: Es gibt rund 40.000 Objekte im All, von denen wir die Position kennen. Wir können auch genau vorhersagen, wo sie morgen sein werden. Aber es gibt noch viel mehr Objekte, die kleiner sind, die man vom Boden nicht sehen kann. Ab etwa Kirschgröße sprechen wir von rund einer Million Objekten. Das Problem ist nicht nur ihre Existenz, sondern die enorme Geschwindigkeit: Alles, was die Erde umkreist, bewegt sich mit rund 25.000 Kilometern pro Stunde. Ein Einschlag hat dann die zehn- bis zwanzigfache Geschwindigkeit eines Gewehrschusses. Da reichen schon ein Millimeter große Teile, um einen Satelliten zu zerstören.
STANDARD: Woher kommt all dieser Müll?
Krag: Von uns Menschen. Wir haben ihn ursprünglich mit guter Absicht ins All gebracht – in Form von Satelliten und Raketenstufen. Auch wenn ein Satellit abgeschaltet oder kaputt ist, kreist er weiter um die Erde. Die Physik macht da keine Ausnahme. Dazu kommt, dass sich viele dieser Objekte im Laufe der Zeit weiter zerlegen, etwa durch Resttreibstoff oder Batterien an Bord. Es gab bereits mehrere hundert Explosionen im All. Dabei entstehen jeweils tausende neue Trümmerteile.
STANDARD: Das heißt, das Problem verstärkt sich von selbst…
Krag: Ja, je mehr Objekte es gibt, desto wahrscheinlicher werden Kollisionen. Und jede Kollision erzeugt wieder neue Trümmer. Wir sprechen von einer Kollisionskaskade – einer Kettenreaktion, die sich selbst verstärkt. Das müssen wir unbedingt vermeiden.
STANDARD: Wie funktioniert die Überwachung des Weltraums eigentlich?
Krag: Das ist eine Wissenschaft für sich. Den einen oder anderen Satelliten kann man mit bloßem Auge sehen – die ISS zum Beispiel. Kleinere Objekte sieht man nur mit optischen Teleskopen. Aber die Objekte sind oft im Schatten der Erde, deshalb setzen wir auch Radarsysteme mit mehreren Megawatt Leistung ein. Das kann sich nicht jeder leisten. Die Überwachung des Weltraums liegt deshalb heute vor allem in der Hand des Militärs. Die meisten Daten zu Weltraumschrott kommen aus den USA, etwa von der Space Force. Die untere Grenze, bis zu der diese Systeme Objekte erkennen können, liegt bei der Größe eines Smartphones, also etwa zehn Zentimeter – über Entfernungen von hunderten Kilometern. Kleinere Objekte sehen wir leider nicht.
STANDARD: Sie sagen, die meisten Daten kommen von den USA. Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit zwischen den Weltraumnationen angesichts geopolitischer Spannungen?
Krag: Die Raumfahrt teilt sich eine gemeinsame Ressource: den Weltraum. Es dauert nur 90 Minuten, um einmal um die Erde zu fliegen. Es ist also unmöglich, den Weltraum in Einflusszonen aufzuteilen. Auch in diesen politisch schwierigen Zeiten diskutieren Experten aller Länder konstruktiv miteinander. Die USA und China sind dabei – und sogar Russland und die Ukraine sitzen zusammen an einem Tisch. Hier in Wien hat dieser Tage eines dieser Treffen stattgefunden und ich kann nur bezeugen: Wenn sich Techniker und Ingenieure zusammensetzen, gibt es einen politikfreien, technischen Austausch über das, was notwendig ist.
STANDARD: Wie läuft so ein Ausweichmanöver ab?
Krag: Man kann im All nicht in letzter Sekunde das Lenkrad herumreißen. Bei 25.000 Kilometern pro Stunde legt man in einer Sekunde sieben bis acht Kilometer zurück. Wir müssen also Stunden oder Tage vorher wissen, dass sich eine Kollision anbahnt. Wir nehmen mit dem Satelliten über eine Bodenstation Kontakt auf, die er aber erst überfliegen muss. Dann muss das Manöver vorbereitet und kalibriert werden. Ein Satellit hat auch eine Nutzergemeinde, hunderte oder tausende Wissenschaftler, die auf Daten warten – während des Manövers liefert der Satellit aber oft keine. Da muss man abwägen: Verpassen wir etwas Wichtiges, wenn wir ausweichen – und gehen das Risiko deshalb ein?
STANDARD: Ausweichen geht natürlich nur, wenn mindestens eines der beteiligten Objekte steuerbar ist.
Krag: Stimmt, nur ein kleiner Teil kann aktiv ausweichen. Die meisten Objekte sind nicht mehr funktionsfähig. Deshalb müssen wir verhindern, dass defekte Satelliten dauerhaft im All bleiben. Idealerweise werden sie am Ende ihrer Mission abgesenkt und verglühen in der Atmosphäre. Außerdem müssen wir Explosionen vermeiden, also Treibstoff ablassen und Batterien entladen – die Systeme passiv machen.
STANDARD: Und wenn das alles nicht klappt?
Krag: Wir schauen uns gerade an, was mit Lasern alles möglich wäre. Zum einen kann man sie einsetzen, um hochgenau die Bahn aller Objekte zu vermessen. Aber wenn der Laser stärker ist – Licht trägt ja auch einen Impuls –, kann man ein Objekt auch anstupsen. Wir stellen uns vor, dass man in Zukunft vom Boden aus die kritischsten Objekte managt, indem man bei Kollisionswarnungen eines davon mit einem kleinen Stupser vom Kurs ablenkt. Wenn man das frühzeitig macht, verfehlen sie sich. Das wäre eine elegante Lösung.
STANDARD: Wäre auch eine Müllabfuhr denkbar?
Krag: Ja, ein spezielles Fahrzeug könnte hinfliegen, das Objekt greifen und aus dem Orbit entfernen. Solche Missionen sind in Planung. Das ist teuer, aber wohl notwendig. Denkbar wäre ein Versicherungsmodell: Wenn die Wahrscheinlichkeit eines Versagens bei zehn Prozent liegt, könnte eine entsprechende Prämie diese Rückholmission finanzieren. So würde ein Markt entstehen.
STANDARD: Aber wer würde diese Versicherung kaufen, wenn sie nicht verpflichtend ist?
Krag: Viele glauben, dass es längst ein internationales Gesetzeswerk mit klaren Verkehrsregeln gibt – das ist aber nicht der Fall. Raumfahrt ist in erster Linie national geregelt. Und ja, wenn es keine gesetzlichen Vorgaben oder wirtschaftlichen Anreize gibt, wird kaum jemand freiwillig eine solche Versicherung abschließen. Deshalb braucht es einen Rahmen, der beides in Balance hält: Zu viel Regulierung kann die Raumfahrt abwürgen, zu wenig aber auch – weil es dann immer mehr Schrott gäbe. Und es muss ja nicht immer nur ums Wegwerfen gehen. Wenn man ein Objekt einmal erreicht und greift, könnte man es unter Umständen auch reparieren oder wiederbetanken. Das wäre im Sinne einer Kreislaufwirtschaft im All – ökologisch sinnvoll und wirtschaftlich interessant zugleich.
STANDARD: Inzwischen nutzen auch private Unternehmen das All immer stärker. Starlink und andere Megakonstellationen bringen gerade Tausende neue Satelliten ins All. Wie sehr verschärft das die Situation?
Krag: Die Raumfahrt hat sich in den letzten vier, fünf Jahren radikal verändert. Wir hatten seit Beginn der Raumfahrt immer nur rund 100 Satellitenstarts pro Jahr – inzwischen sind es über 2000. Wir fangen jetzt erst an, den Weltraum wirtschaftlich zu nutzen, was ja auch positiv ist. Aber wenn wir in der Vergangenheit schon nicht gut darin waren, bei wenig Verkehr auf Vermeidung zu achten, dann ist es bei zwanzigmal mehr Verkehr natürlich kritisch.
STANDARD: Könnte eine Lösung sein, die Nutzung des Weltraums zu beschränken?
Krag: Das ist ein Reflex, den man hat, wenn eine Ressource knapp ist. Ich denke, wir müssen die Nutzung des Weltraums so organisieren, dass für alle Platz ist. Das heißt: bessere Koordination, gemeinsame Regeln und vor allem Technik, die sicherstellt, dass Satelliten am Ende ihrer Lebensdauer zuverlässig entsorgt werden. Wenn man das konsequent umsetzt, kann auch mehr Verkehr verkraftet werden. Wir schaffen das ja in anderen Bereichen auch. Das Frequenzspektrum ist ebenfalls begrenzt, und trotzdem funktioniert unser Mobilfunk, weil er international koordiniert wird. Ähnlich sollte man auch den Weltraum behandeln.
STANDARD: Starlink fliegt auf niedrigeren Umlaufbahnen als etwa Erdbeobachtungs- oder Navigationssatelliten. Ist das positiv im Hinblick auf die Müllproblematik?
Krag: Die Aufenthaltsdauer eines Objektes hängt von der Dichte der Atmosphäre ab. Die ISS auf 400 Kilometer Höhe würde ohne Manöver innerhalb eines Jahres wieder eintreten. In 600 Kilometern hält sich ein Objekt 25 Jahre, in 800 Kilometern 200 Jahre, und in 1000 Kilometern ist die Atmosphäre praktisch nicht mehr vorhanden – da bleibt es für immer. Es ist absolut hilfreich, niedrige Bahnhöhen anzusteuern. Starlink fliegt in 530 bis 540 Kilometer Höhe, da würde ein ausgefallenes Objekt innerhalb von fünf Jahren von selbst wieder eintreten. Aber nicht alle Großkonstellationen gehen in diese niedrigen Höhen. Einige streben Höhen von über 1000 Kilometer an – und da muss man viel peinlicher darauf achten, dass die Entsorgung klappt.
STANDARD: Was würde passieren, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden – wie würde die Raumfahrt in, sagen wir, 100 Jahren aussehen?
Krag: Wir haben das durchsimuliert. Ohne Vermeidungsstrategien würde die Kollisionskaskade irgendwann einsetzen – aber nicht wie in einem Film, wo innerhalb von Sekunden alles kollidiert, sondern als langsamer, schleichender Prozess, der über Jahre einen exponentiellen Anstieg der Objekte bewirkt. Wenn wir heute zwei- bis dreimal pro Jahr und Satellit ein Ausweichmanöver fliegen, müsste man das in 50 Jahren vielleicht zwei- bis dreimal pro Monat machen, in 100 Jahren einmal pro Woche. Das würde die Raumfahrt massiv verteuern und einschränken. Dabei sind wir zunehmend abhängig von Satelliten. Die Hälfte unserer Apps am Handy hat indirekt mit der Raumfahrt zu tun – Navigation, Wetter, Internet. Wir verbauen uns die Zukunft, wenn wir nicht aufpassen.
STANDARD: Bei immer mehr Zeug im Weltraum – müssen wir Angst haben, dass uns etwas auf den Kopf fliegt?
Krag: Die Gefahr ist nicht null, aber sehr gering. Trotzdem nehmen wir diese Gefahr ernst und legen Raumfahrtzeuge so aus, dass die Gefahr am Boden gering bleibt. Für den Einzelnen ist das Risiko etwa so hoch, wie zweimal vom Blitz getroffen zu werden. Man kann also beruhigt rausgehen. Ich glaube, man hat sogar Glück, wenn man so einen Wiedereintritt einmal am Himmel sieht. Das ist spektakulär: wie auf einer Perlenschnur aufgekettete, glühende Objekte, die ein, zwei Minuten über den Himmel ziehen – eine langsame Sternschnuppe. Ich habe das leider noch nie erlebt.
(Philip Pramer, Der Standard)

