Kategorie Innovation & Technologie - 17. November 2025

Sentinel-6B: Europäischer Satellit vermisst präzise den Meeresspiegelanstieg

Heute am frühen Morgen ist in Kalifornien ein neuer europäischer Erdbeobachtungssatellit ins All gestartet. Copernicus Sentinel-6B wird eine jahrzehntelange Mission zur Messung der Meeresspiegel fortzusetzen – ein nach wie vor wichtiger Indikator für den Klimawandel. Der Satellit wurde mit einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Space Force Base in die Umlaufbahn gebracht.

Sentinel-6B tritt in die Fußstapfen seines Vorgängers Sentinel-6 Michael Freilich, der 2020 gestartet wurde. Die Mission ist die Referenzmission für die Radaraltimetrie, die die wichtigen Aufzeichnungen der Messungen der Meeresoberflächenhöhe bis mindestens 2030 fortsetzt. Expertinnen erwarten sich von dem High-Tech-Gerät wichtige Informationen zu einem der drängendsten Probleme unserer Zeit, dessen Entwicklung sich zuletzt beschleunigt hat.

Seit den frühen 1990er-Jahren messen europäische Geräte im All in Kooperation mit internationalen Partnern die Entwicklung des globalen Meeresspiegels – Tendenz steigend, mit Hang zur Beschleunigung. Ging es im Schnitt im Zeitraum zwischen 1993 bis 2003 rund zwei Millimeter hinauf, dokumentierten die Vorgänger von Sentinel-6B – aktuell ist dies der 2020 gestartete Sentinel-6A – einen Anstieg von 4,2 Millimeter im globalen Schnitt pro Jahr. Insgesamt beträgt das Plus seit 1999 immerhin 9,38 Zentimeter, wie die Europäische Weltraumagentur (ESA) im Vorfeld des geplanten Starts mitteilte.

Rund 900 Mio. Menschen in tief liegenden Gebieten betroffen

Nicht zuletzt auf den jährlichen Weltklimakonferenzen – aktuell läuft die „COP30“ im brasilianischen Belem – machen vor allem Staaten mit Inseln, die kaum aus dem Meer ragen, auf die für sie existenzbedrohende Entwicklung aufmerksam – und finden nahezu traditionell wenig Gehör. Führe man sich vor Augen, dass weltweit rund 900 Millionen Menschen in tief liegenden Gegenden leben, sei es extrem wichtig, die weltweit genaueste Messreihe nahtlos fortzusetzen, sagte der Generaldirektor der europäischen meteorologischen Satellitenagentur (EUMETSAT), Phil Evans. Die Einrichtung übernimmt nach dem Start den Betrieb des Satelliten.

 

Sentinel 6B ist Teil von Europas Erdbeobachtungsprogramm Copernicus, das die ESA für die EU-Kommission durchführt. Die Kosten für die Satelliten „A“ und „B“ betragen aufseiten Europas rund 400 Millionen Euro, erklärte Pier Bargellini vom ESA-Erdbeobachtungsprogramm. Mit dabei sind u.a. rund 40 Unternehmen. So auch die Wiener Weltraumfirma Beyond Gravity, die die Thermalisolation und den Navigationsempfänger der Sonde beisteuerte. Mit letzterem lässt sich bis „auf wenige Zentimeter genau die Position des Satelliten im Weltall“ bestimmen, wie das Unternehmen mitteilte. Das ist hier besonders wichtig, da die Radarmessungen auch kleinste Abweichungen der mittleren Meereshöhe erkennen sollen.

Gebaut wurde „Sentinel-6B“, der auch ein zentrales Instrument der US-Raumfahrtbehörde NASA trägt, großteils von Hauptauftragnehmer Airbus Defence and Space in Deutschland. In Planung ist auch bereits ein Nachfolger, allerdings steht unter der Trump-Administration in den USA aktuell ein Fragezeichen hinter der amerikanischen Teilhabe, räumten Experten ein. Auf die momentane Mission habe das aber keinerlei Auswirkungen.

We hear you, #CopernicusEU Sentinel-6B! The Inuvik Satellite Station in Canada has received the first signals from the satellite. The orbit has been reached, and telemetry has begun to arrive at ESA’s mission control in Germany!

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— ESA Operations (@operations.esa.int) 17. November 2025 um 09:10


Die Meeresspiegel-Vermesser helfen auch dabei, Meeresströmungen und Wellenhöhen zu dokumentieren. Das sei für die gesamte Ozeanographie wichtig, betonte Evans. Die Anwendungen, die auf den gelieferten Daten beruhen, seien weit gefächert: Sie fließen in Wettervorhersagen, in das Management von Küstenregionen, in die Schiffssicherheit oder ins Klimamonitoring ein. Dazu kommt auch die Messung der Spiegel und Ausdehnung von Seen weltweit. Mehr oder weniger die gesamte Erde wird alle zehn Tage abgedeckt.

Das helfe bei der Vorbereitung auf Extremwettersituationen, der Abschätzung des Drifts von Schadstoffen im Wasser oder der Wassertemperatur, bis hin zur Optimierung von Schiffsrouten, erklärte Pierre-Yves Le Traon von Mercator Ocean, einer europäischen Einrichtung für Informationen zu Meeren und Ozeanen. Die Höhenmessungen seien extrem wichtig für tägliche Vorhersagen, aber auch für langfristig angelegte Ozean-Simulations-Modelle, mit denen man versucht, Küstenüberflutungen oder Wellengang vorherzusagen. Ohne die Stabilität der Copernicus-Daten sei das nicht möglich, betonte Le Traon.

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