Kategorie Innovation & Technologie - 10. September 2026
Vom Denkraum in die Fabrik: Wie Österreich Technologieführerschaft in industrielle Stärke übersetzen will
Die Technology Talks Austria 2026 stellen eine zentrale Frage für Europas Zukunft: Wie wird aus wissenschaftlicher Exzellenz technologische Führungsfähigkeit und industrielle Stärke? Österreichs Industriestrategie 2035 versucht darauf konkrete Antworten zu geben. Die neue FTI-Initiative des Klima- und Energiefonds zeigt, wie diese Strategie bei der Transformation der Industrie auch zum Klimaschutz praktisch beitragen kann
Was braucht Europa, um technologisch führend, wirtschaftlich wettbewerbsfähig und zugleich resilient und strategisch handlungsfähig zu bleiben? Diese Frage steht im Zentrum der Technology Talks Austria 2026, die am 10. und 11. September im Wiener Museumsquartier stattfinden. Unter dem Motto „Empowering Europe: Technological Leadership for a Resilient Future“ kommen rund 800 Vertreter aus Forschung, Wissenschaft, Industrie, Wirtschaft, Politik und Verwaltung zusammen.
Es geht dabei ausdrücklich nicht um ein Schaufenster bereits erreichter Erfolge. Die Technology Talks verstehen sich als „Denkraum“: als Ort, an dem Annahmen überprüft, unterschiedliche Perspektiven zusammengebracht, Lösungen weiterentwickelt und neue Kooperationen angestoßen werden.
Von der Strategie zur Umsetzung
Mit der Industriestrategie Österreich 2035 versucht die Bundesregierung, Forschung, Technologie und Industriepolitik enger miteinander zu verzahnen. Neun Schlüsseltechnologien und Stärkefelder sollen dabei eine besondere Rolle spielen. Ziel ist es, vorhandene Kompetenzen zu stärken, technologische Abhängigkeiten zu reduzieren und aus Forschung und Innovation stärker industrielle Wertschöpfung am Standort Österreich zu entwickeln.
Dass die Strategie nicht bei Zielbildern stehen bleiben soll, zeigt ihre bisherige Umsetzung: Sechs Monate nach ihrer Präsentation sind bereits 42 der insgesamt 117 Maßnahmen umgesetzt oder in Umsetzung.
Ein Schwerpunkt liegt auf den Schlüsseltechnologien. Für deren Entwicklung sind im FTI-Pakt bis 2029 rund 2,6 Milliarden Euro vorgesehen. Gleichzeitig werden neue Instrumente geschaffen, die den Schritt von der technologischen Entwicklung zur industriellen Anwendung erleichtern sollen.
Dazu gehören etwa ein Schlüsseltechnologie-Beschleunigungsgesetz und Förderungen für Pilot-Produktionsanlagen. Der Fokus verschiebt sich damit zunehmend von der Frage, welche Technologien Österreich erforschen kann, hin zu der Frage, welche Technologien Österreich auch skalieren und produzieren kann – ein entscheidender industriepolitischer Perspektivwechsel.
Österreich mit großer Forschungskompetenz bei der Dekarbonisierung
Europas Problem bestehe nach Ansicht von Expertinnen und Experten nicht primär darin, keine guten Ideen oder keine exzellente Forschung zu haben. Die Herausforderung liegt häufig in der nächsten Phase: Technologien aus Forschungslabors in industrielle Anwendungen und schließlich in wettbewerbsfähige Produkte und Produktionsprozesse zu überführen.
Gerade bei komplexen Technologien ist dieser Übergang mit hohen technischen und wirtschaftlichen Risiken verbunden. Eine Technologie muss unter realen Bedingungen funktionieren, in Produktionsprozesse integriert werden können und wirtschaftlich skalierbar sein.
Hier setzt unter anderem die neue FTI-Initiative für die Transformation der Industrie des Klima- und Energiefonds an. Für die Ausschreibung 2026 stehen 19,5 Millionen Euro zur Verfügung. Gefördert werden Forschungs- und Demonstrationsvorhaben, die innovative Technologien und Systemlösungen bis zur Anwendung und Skalierung weiterentwickeln.
Im Mittelpunkt stehen zwei Ebenen: die Transformation industrieller Prozesse in Richtung Klimaneutralität sowie die Entwicklung und Fertigungsvorbereitung von Netto-Null-Technologien. Damit adressiert die Initiative genau jene Phase, die für die Umsetzung der Industriestrategie entscheidend ist: Demonstration, Pilotierung und der Übergang zur industriellen Anwendung.
Klimaneutralität wird auch zur Technologiefrage
Die industrielle Transformation zeigt besonders deutlich, warum Klima- und Industriepolitik heute kaum noch voneinander zu trennen sind. Die Abkehr von fossilen Brennstoffen in der Industrie ist eine enorme technologische Herausforderung. Gleichzeitig eröffnet sie neue Märkte für Technologien, die industrielle Prozesse grundlegend verändern können – von Elektrifizierung und Energieeffizienz über Wasserstoff und erneuerbare Gase bis zu Kreislaufwirtschaft, CO₂-Technologien und industrieller Flexibilisierung.
Österreich hat in mehreren dieser Bereiche Forschungskompetenz und industrielle Stärken aufgebaut. Die entscheidende Frage ist nun, ob daraus auch skalierbare Technologien und internationale Wertschöpfung entstehen.
„Die Transformation der Industrie braucht Forschung, technologische Entwicklung und den Schritt in die praktische Anwendung. Mit der FTI-Initiative schaffen wir dafür gezielte Unterstützung. Damit stärken wir die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie, fördern Innovationen aus Österreich und leisten einen konkreten Beitrag zur Umsetzung unserer Industriestrategie 2035, so Innovationsminister Peter Hanke.
Die FTI-Initiative des Klima- und Energiefonds setzt deshalb bewusst auf Kooperationen zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen. KMU, Start-ups, Technologieanbieter und Zulieferer sollen gemeinsam mit großen Industrieunternehmen an Lösungen arbeiten. Damit entsteht genau jene Netzwerklogik, die auch die Technology Talks Austria in den Mittelpunkt stellen.
Technologieführerschaft entsteht nicht allein
„Technologieführerschaft entsteht nicht in einzelnen Institutionen. Sie entsteht in leistungsfähigen Netzwerken“, sagt Brigitte Bach, Sprecherin der Geschäftsführung des AIT Austrian Institute of Technology und Vorsitzende des Veranstaltungskuratoriums der Technology Talks Austria.
Das ist auch für die Umsetzung der österreichischen Industriestrategie eine zentrale Erkenntnis. Ein leistungsfähiges Innovationssystem braucht nicht nur Universitäten und Forschungseinrichtungen. Es braucht Unternehmen, die Technologien aufnehmen und skalieren; Zulieferer, die neue Wertschöpfungsketten aufbauen; Investoren, die Wachstum finanzieren; Förderorganisationen, die Risiken in frühen Phasen abfedern; und politische Rahmenbedingungen, die Investitionen ermöglichen.
Die Industriestrategie versucht deshalb, diese verschiedenen Elemente stärker zusammenzuführen. Die aktuellen Maßnahmen reichen von Forschung und Technologietransfer über Pilotanlagen und Innovationsinfrastrukturen bis zu schnelleren Genehmigungsverfahren. Dahinter steht eine gemeinsame Logik: Technologiepolitik soll stärker bis zur industriellen Umsetzung gedacht werden.Besonders sichtbar wird dieser Ansatz bei den geplanten und bereits gestarteten Förderungen für Pilot-Produktionsanlagen.
Eine Pilotanlage ist industriepolitisch mehr als ein großes Forschungsprojekt. Sie ist die Schnittstelle zwischen technologischer Machbarkeit und industrieller Skalierung. Hier zeigt sich, ob eine Technologie nicht nur im Labor funktioniert, sondern auch unter realen Produktionsbedingungen. Gleichzeitig können Unternehmen Kompetenzen für eine spätere Serien- oder Großproduktion aufbauen. Für einen Standort wie Österreich ein entscheidender Schritt.
Internationale Wettbewerbsfähigkeit entstehe nämlich nicht allein dadurch, dass eine Technologie „Made in Austria“ quasi erfunden wird. Die entscheidende Frage lautet, ob auch die nächste Wertschöpfungsstufe am Standort bleibt: Entwicklung, Pilotierung, Produktion, Zulieferung und schließlich Export.
Vom österreichischen Innovationssystem zur europäischen Resilienz
Damit bekommt die österreichische Industriestrategie auch eine europäische, eine internationale Dimension. Die Technology Talks Austria stellen 2026 die Frage nach technologischer Führungsfähigkeit ausdrücklich in den Kontext von Resilienz und strategischer Autonomie.
Europas Abhängigkeiten bei Energie, Rohstoffen, digitalen Technologien, Halbleitern oder kritischen Produktionskapazitäten haben gezeigt, dass Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit zunehmend zusammengehören.
Technologische Souveränität bedeutet dabei nicht, alles selbst produzieren zu müssen. Sie bedeutet vielmehr, über ausreichend eigene Kompetenzen, industrielle Kapazitäten und belastbare Partnerschaften zu verfügen, um in strategisch wichtigen Bereichen handlungsfähig zu bleiben. Genau deshalb sei auch die Frage nach der Skalierung von Technologien so wichtig.
Wer eine Technologie entwickelt, aber ihre industrielle Produktion nicht beherrscht, besitzt zwar Wissen, aber möglicherweise nicht die entsprechende industrielle Wertschöpfung und strategische Handlungsfähigkeit.
Neue Ausrichtung der Förderagenturen
Die laufende Umsetzung der Industriestrategie kann deshalb auch als österreichischer Testfall für eine größere, europäische Frage gelesen werden. Österreich verfügt über eine starke Forschungslandschaft, international erfolgreiche Industrieunternehmen und spezialisierte Technologieanbieter. Die Herausforderung besteht darin, diese Stärken zu einem leistungsfähigeren Innovations- und Produktionsökosystem zu verbinden.
Zu Unterstützung dieser Initiativen gibt es neben der Industriestrategie als strategischen Rahmen und der FTI-Initiative des Klima- und Energiefonds als konkretes Instrument für die industrielle Transformation auch eine neue Ausrichtung der österreichischen Förderagenturen Diese werden nicht nur stärker auf die in Industriestrategie definierten Ziele getrimmt, sondern auch mit einem stärkeren Fokus auf die darin festgelegten Schlüsseltechnologien fokussiert. Das dazu passende „Agenturen Leitbild 2030“ wurde kürzlich von Innovationsminister Peter Hanke gemeinsam mit Wirtschaftsminister Wolfang Hattmansdorfer präsentiert.
Betroffen sind die zwei gemeinsamen Förderagenturen „Austria Wirtschaftsservice Gesellschaft“ (aws) und die „Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft“ (FFG), sowie im Zuständigkeitsbereich des Wirtschaftsministers die Standortagentur „Austrian Business Agency“ (ABA) und die „Christian Doppler Forschungsgesellschaft“ (CDG).
Konkret sieht das Leitbild vor, dass bei den Förderungen durch diese Agenturen verstärkt ein Fokus auf jene neun Schlüsseltechnologien gelegt wird, die in der im Jänner präsentierten Industriestrategie auserwählt wurden. Zudem sollen geförderte Unternehmen stärker zu einem „Made in Europe“-Ansatz verpflichtet werden.
Ziel des Ganzen sei es, die „Input-Output-Funktion“ der Forschung in Österreich zu verbessern. Österreich müsse ein Hochtechnologieland sein, gute Ideen sollten nicht „im Labor bleiben“ oder in Drittstaaten abwandern, sondern bestenfalls von österreichischen Unternehmen auf den Markt gebracht werden, so das übergeordnete Ziel.
Bei den neun genannten Schlüsseltechnologien handelt es sich um „Künstliche Intelligenz und Dateninnovation“, „Chips und Elektronische Komponenten/Systeme“, „Fortgeschrittene Produktionstechnologien und Robotik“, „Quantentechnologie und Photonik“, „Fortgeschrittene Werkstoffe (Advanced Materials)“, „Life Sciences & Biotech“, „Energie- und Umwelttechnologien“, „Mobilitätstechnologien“ sowie „Weltraum- und Luftfahrttechnologien“.
„Eine moderne Förderlandschaft muss sich an den Bedürfnissen von Unternehmen und Forschung orientieren – mit einfachen Zugängen, klaren Zuständigkeiten und abgestimmten Angeboten. Mit dem Agenturen Leitbild 2030 bündeln wir die Kräfte von aws und FFG und sorgen dafür, dass innovative Projekte schneller die passende Unterstützung erhalten“, so Bundesminister Peter Hanke.
60 Millionen Euro für Innovationsprojekte der heimischen Industrie

